Entwicklungsstörungen

Autismus

„Lukas, ein 6-jähriger Autist mit schwerster geistiger Behinderung. Pass auf, der ist ganz schwierig und würgt sein Essen immer wieder hoch, wenn ihm etwas nicht passt. Er spricht nicht und tritt mit seiner Außenwelt nicht in Kontakt.“ – So wurde mir Lukas damals in der Klinik vorgestellt. Mein erster Kontakt mit Autisten damals und ich dachte mir „na bravo“.
Getroffen habe ich ein Kind, das sehr wohl kommuniziert hat. Nur auf einer ganz anderen Ebene, wie ich es bisher gewohnt war. Er forderte von mir absolute Klarheit ein und mit derselben Klarheit trat er mir gegenüber – keine Kompromisse. Ich musste meinen Standpunkt, mein Bild, wie die Welt funktioniert, verlassen, um ihm zu begegnen. Getroffen habe ich ein Kind mit unglaublichem Potential in sich, mit großer Lebensfreude und dem Leben im Augenblick. Und weil ich in seine Welt gefunden habe, hatte er das Vertrauen mir in unsere Welt zu folgen. Nach 6 Wochen sprach er 6 Worte und schaute mir in die Augen.

Dieses Geschenk, das ich damals erfahren durfte, und das ich in meiner täglichen Arbeit immer wieder erfahren darf, möchte ich an Sie weiter geben. Ich möchte Sie ermutigen, sich auf den Weg zu machen. Es gibt dafür keine Landkarte und der Weg wird an vielen Stellen sicherlich viel Kraft von Ihnen verlangen. Wenn Sie aber das Vertrauen haben ihm zu folgen, werden Sie für all das unglaublich viel zurück bekommen. Lassen Sie Ihre Vorstellung los, denn es wird ganz anders werden wie das, was Sie jetzt noch erwarten. Denn der Weg wird Sie vor allem auch zu sich selbst führen – egal aus welcher Rolle heraus Sie einem Autisten begegnen.

Warum ist ein Autist nicht handlungsfähig und somit in seiner Teilhabe eingeschränkt?

Eine Handlung wird nur über die Erfassung des Kontextes (Bezugsrahmens) angemessen. Das bedeutet, sie ist in einem bestimmten Kontext richtig, kann aber auch total falsch sein, wenn sich der Kontext ändert.

Der Kontext in der „normalen Wahrnehmung“

  • hilft uns, Dinge schnell zu erkennen
  • hilft, die Aufmerksamkeit auf das Wichtige zu lenken
  • macht die Welt vorhersehbar
  • hilft, die richtige Bedeutung zu finden, wenn sie nicht sofort klar ist (Kontextuelle Hinweisreize)

? Erfasse ich den Kontext nicht, bleibt mir nur das Raten – und das ist Autismus.

 

Kontextblindheit beschreibt die autistische Wahrnehmung:

  • Blind sein für den wahrnehmbaren Kontext: „Hyperselektivität“
    Paul zieht seine Jacke zu Beginn der Therapie aus und wirft sie auf den Boden, dabei verdrehen sich die Ärmel der Jacke. Seine Mutter, die hinter ihm steht, hebt die Jacke auf und sagt: „Paul, Deine Arme sind verkehrt herum. Dreh sie bitte um.“ Paul gerät darauf in große Panik, wendet seine Arme hin und her und sagt „Aber meine Arme sind doch richtig! Wie sollen sie denn anders sein?“ Den Bezug zur Jacke hat Paul nicht mehr hergestellt.
  • Blind sein für den nicht wahrnehmbaren Kontext, der anschaulich gemacht werden muss: „Hyperrealismus“
    Jemand erzählt Paul vor der Einschulung, dass die Schule aus ist, wenn es gongt. Als Paul in die Schule kommt, springt er bei jedem Gong auf, schreit laut „Die Schule ist aus!“ und stürmt aus dem Klassenzimmer. Die Klasse gerät in ein großes Durcheinander und es dauert, bis der Unterricht fortgesetzt werden kann. Den Bezug, dass es mehrmals am Tag gongt und erst der letzte Gong das Unterrichtsende bedeutet, erfasst Paul nicht.

 

Autistisch denken heißt:

  • starre Verbindungen zwischen Wahrnehmung und Konzept ohne Anpassung an den Kontext
  • der Kontext wird nicht spontan für die Zuschreibung von Bedeutungen mitbedacht

 

Die Handlung für Autisten ist zudem erschwert durch:

  • Sensorische Probleme
  • Wahrnehmungsprobleme
  • Sozio-emotionale Probleme

 

Denn, wie kann ich adäquat in Handlung treten, wenn…

  • ich mich selbst nicht spüre?
  • ich etwas anderes spüre?
  • ich noch gar nicht weiß, was ich mit mir/meinem Körper alles anfangen kann oder soll?
  • ich zwar wahrnehme, aber nicht verstehe was ich wahrnehme, bzw. was ich damit anfangen soll
  • für mich das Leben eine einzige Aneinanderreihung von Unvorhersehbarkeiten ist?
  • mir der Kontext zu mir selbst, bzw. zu meiner Umwelt fehlt?
  • ich einen hohen Perfektionsanspruch habe und mir nicht erlaube Fehler zu machen?

 

In ihrem Alltag erleben Kinder mit Autismus daher oftmals große Einschränkungen und Misserfolge. Kinder mit Autismus lernen zu wenig aus ihren Erfahrungen und ziehen daraus keine Lehre für die Zukunft.

Max sagt von sich: „In der Schule bin ich mehr Autist wie zu Hause.“
Lassen Sie uns herausfinden, warum:
Zu Hause hat er ein Umfeld, das sich auf ihn einstellt, das ihn kennt und das er kennt. In der Schule hat er ein Umfeld, auf das er sich einstellen muss und das er nicht kennt, weil es schwierig für ihn ist, die täglich wechselnden Bedingungen in der Gruppe zu erfassen. Max reagiert darauf oft mit provokativem Verhalten, wird laut, verweigert. – Wie reagieren Sie, wenn Sie sich verloren oder unwohl fühlen?

 

Therapeutische Möglichkeiten

In einer Umfrage eines Onlineportals nennen Eltern von Kindern mit Autismus die Ergotherapie als wirkungsvollste Behandlungsmethode für ihr Kind.

Was macht nun aber die Ergotherapie für Eltern so transparent und den Therapieerfolg im Vergleich zu anderen Berufsgruppen eventuell schneller greifbar?

Um herauszufinden, wo die Schwierigkeit in der Handlungskompetenz liegt und in welchen Bereichen wir in der Therapie ansetzen sollen, verwenden wir in der Praxis als Befunderhebungsinstrument das COPM (Canadian Occupational Performance Measure). (Nähere Infos zu diesem Assessement finden Sie auf unserer Website unter „Befunderhebung“.)
Der therapeutische Ansatz in unserer Praxis erfolgt über:

  • Körperwahrnehmung, z.B. taktile Abwehr reduzieren (Kinder vermeiden Körperkontakt), sensorisches Arbeiten (z.B. problematisches Essverhalten), angemessene Reizverarbeitung (Überreaktion bei akustischen Reizen), angemessene Kraftdosierung erlernen (Kinder suchen starken Widerstand im Körperkontakt), etc.
  • Bezug Umwelt: Kontext zwischen eigenem Verhalten und Reaktion Umwelt, sich als auslösenden Faktor erfahren, z.B. wird das Schwungtuch nur auf ein bestimmtes Signal hin angestoßen, Kinder lernen gezielt zu agieren, nicht nur „Zufall“
  • Bezug zur Umwelt – Abgrenzung zur Umwelt, z.B. gezielte und angemessene Interaktion anbahnen, im Einzel-/Gruppensetting (z.B. nicht alle Leute anzuschreien), lernen, wann ich auf Reize aus der Umwelt reagieren muss, wann nicht (z.B. nicht auf Provokationen zu reagieren)
  • Eigenes Erleben: Lernen zu äußern, was ich brauche oder wie es mir in einer Situation geht, Unterstützung einfordern (z.B. ganz konkret zu sagen „Hilf mir mal bitte“, ohne in eine Stereotypie zu flüchten)
  • Ausprägung der Ich-Persönlichkeit: Bewusstsein für sich selbst entwickeln, nicht „der Simon“, sondern ich.

 

Um mit Autisten arbeiten, leben, in Kontakt treten zu können, ist es wichtig hinter das beobachtbare Verhalten zu schauen. Warum reagiert er so? Was war davor? Wenn Sie dies erfassen können, wenn Sie beginnen zwischen den Zeilen zu lesen, dann können Sie einen autistischen Menschen begleiten.
Anton hatte bei uns in der Praxis eine Zeit lang Gruppen- und Einzeltherapie parallel. In dieser Zeit versuchte er häufig der Anforderung in der Gruppe zu entfliehen, indem er aufs Klo ging und dort „Baustelle“ spielte, also das Klo verwüstete. Wir reagierten als Konsequenz damit, dass Anton am Ende der Therapie zum Aufräumen bleiben musste. Da Anton sein Ziel damit nicht erreichte, nahm das negative Verhalten nach drei Wochen wieder ab. Als er nach einer Zeit zusätzlich zur Ergotherapie noch Logopädie verordnet bekam, wurde die Ergotherapie auf die Gruppentherapie reduziert. Plötzlich begann Anton wieder damit, das Klo zu verwüsten, zeigte sich aber interessanterweise nicht mehr traurig darüber, weil er am Ende länger bleiben musste. Erst auf viele Nachfragen meinerseits, warum er damit wieder angefangen habe, äußerte er, dass er dadurch dann endlich wieder Zeit mit mir alleine habe und mich in der Gruppe nicht teilen müsse. Natürlich haben wir ihn in diesem Fall als Konsequenz die Verwüstung im Beisein einer anderen Kollegin sofort aufräumen lassen. Wollte er Kontakt zu mir, musste er zurück in die Gruppe kommen. Das Verhalten zeigte sich nach zwei Wochen nicht mehr. Ich begleite Anton in der Therapie nunmehr seit 4,5 Jahren. Was hätte ich aber erreicht, wenn ich bei der erneuten Verwüstung genau wie beim ersten Mal reagiert hätte

 

Warum Elternarbeit?

Eltern „arbeiten“ täglich mit dem Kind, sie haben das größte Wissen über ihre Kinder im Alltag. Als Therapeut bin ich genau auf dieses Wissen angewiesen, um bei der Lösungssuche unterstützen zu können.

  • Eltern sind die Schnittstelle zwischen den wechselnden Bezugsrahmen (z.B. häusliches Umfeld → Schule)
  • Eltern gewährleisten den Transfer zwischen Therapie und Alltag → Bezugsrahmen wird übertragen
  • Eltern benötigen Entlastung und Handlungsorientierung
  • Instrumentalisierung der Eltern vorbeugen/verhindern, d.h. das Kind erhält keine Machtposition und Eltern reagieren nur noch auf das Verhalten.
  • Selbstständigkeit der Kinder gezielt fördern

 

In unserer Praxis wird unter anderem anhand des CO-OP-Ansatzes gearbeitet. Kinder und Eltern entscheiden selbst, welche Alltagshandlung verbessert werden soll. In der Therapie erarbeitet sich das Kind mit Unterstützung der Eltern und des Therapeuten (kognitive) Strategien, um die Handlung erfolgreich zu bewältigen. Diese Strategien werden in enger Zusammenarbeit mit den Eltern in den Alltag integriert und generalisiert.
Der CO-OP-Ansatz (Cognitive Orientation to daily Occupational Performance) ist, laut verschiedener Studien, nachweislich auch wirksam für Kinder mit Autismus (siehe auch auf unserer Homepage unter Konzepte, „CO-OP-Ansatz“).

Die Mutter von Jakob erzählt über ihre eigene Therapieerfahrung folgendes:
„Als ich die Ergotherapie begann, empfand ich meinen Sohn als psychisch sehr instabil. Er trug eine große innere Anspannung, Aggression und Unsicherheit in sich, die sich auch nach außen durch diverse Tickstörungen zeigte. Ich verzweifelte oft an seinem unangepassten Verhalten und an unseren Auseinandersetzungen und ich hatte Sorge um seine Schulfähigkeit.
Mir gefielen die interessanten Tätigkeiten in den Praxisräumen und ich konnte mir vorstellen, dass mein Sohn dort in den Stunden mit den Therapeuten wertvolle Elemente zur Wiederherstellung seines inneren Gleichgewichts erlangen könnte.
Über die Zeit ließ mich jedoch folgende Frage nicht in Ruhe: Wenn es in der einen Stunde pro Woche den Ergotherapeuten möglich ist, durch Ihr pädagogisches Verhalten einen deutlich positiven Effekt auf das Verhalten meines Sohnes auszuüben, wie viel mehr Potential hätte ich selbst, wenn ich mein Verhalten ihm gegenüber optimiere, da ich ja täglich viele Stunden mit ihm zusammen bin?
Mein Bedürfnis nach Selbstreflexion fand Gehör in dieser Praxis und ich war sehr dankbar dafür, in meinem Bestreben begleitet zu werden. Hätte ich mir doch selbst alleine niemals so gut den Spiegel vorhalten können. Es war so befreiend nicht nur immer über die Sorgen über das Kind zu sprechen, sondern auch mit den eigenen Gedanken und Gefühlen, auch den Schuldgefühlen, gesehen und ernst genommen zu werden – aus meiner Bedürftigkeit heraus, nicht der des Kindes.
Das war der Beginn eines wunderbaren Weges. Ich konnte mich von den von mir selbst übergestülpten Erziehungsprinzipien befreien und es gelang mir meinem Sohn zum ersten Mal vollkommen gleichwürdig, ohne Erwartungshaltung, zu begegnen. Ich lernte klar zu kommunizieren und in Ich-Botschaften zu formulieren, wann meine eigene Grenze überschritten wird, und nicht wann mein Sohn nicht der Norm eines funktionierenden 6-jährigen in unserer Gesellschaft entsprach. Durch diesen Rückzug zu mir selbst, öffnete sich für meinen Sohn ein großer Raum. In vielen Situationen bekam er seine Handlungsfreiheit zurück und der Druck in ihm reduzierte sich. Seine Tickstörungen verschwanden und ich entdeckte einen empathischen, kooperierenden kleinen Mitbewohner – der eben nur sehr empfindsam auf Druck und Macht reagiert und stattdessen eine klare und ehrliche Führung braucht. Es konnte eine ganz andere Nähe und Bindung zu ihm entstehen, nicht mehr eingetrübt durch Maßnahmen, die ihn zum Folgen und Funktionieren bringen sollten. Bestrafungen und Konsequenzen hatten keinen Platz mehr, sie hätten das Vertrauen wieder zerstört. Er konnte sich ganz offen für mich bemühen, weil ich auch nichts mehr anderes tat als das – mitsamt meiner Verletzlichkeit, die ich nicht mehr verbarg. Und so war es ihm auch möglich seine Verletzlichkeit nicht mehr durch Aggression zu überspielen. An seiner Schulfähigkeit habe ich jetzt keinen Zweifel mehr.
Durch mein Bestreben mit mir selbst in Einklang zu sein, war es mir möglich mich auch noch von ganz anderen „Altlasten“ zu befreien und auch in meine Beziehung und in meinen beruflichen Alltag Klarheit zu bringen. Heute kann ich sagen, dass ich meinem Sohn dankbar bin, dass er so „kompliziert“ war – die Notwendigkeit zu handeln war meine Chance zu mir selbst zu finden.
An dieser Stelle möchte ich der Ergotherapiepraxis, und im Besonderen Sara Hiebl, meinen tiefsten Dank aussprechen. Ohne Ihr Begleiten wären mir und auch meinem Sohn diese so sehr bereichernden Entwicklungen nicht möglich gewesen.“

Quellen:
1. www.autismspeaks.org ; Top 8 Autism Therapies – Reported by Parent
2. Autisme Centraal, Peter Vermeulen
3. Rodger, Vishram 2010; Rodger, Springfield, Polatajko 2007; Rodger, Brandenburg 2009
4. Das ist der Titel, Über autistisches Denken, Peter Vermeulen, Bosch&Suykerbuyk Trainingszentrum B.V., 1. Auflage 2009